Sexpositive Elternschaft oder warum Eltern mit Ihren Kindern über Sexualität sprechen sollten

Aktualisiert: 18. März



Vielen Dank an FranZine, der Podcast für die französisch-sprechenden Expats der Schweiz, der mich eingeladen hat, über ein Thema zu sprechen, das Teil unser aller Leben ist und trotzdem im Allgemeinen nicht offen diskutiert wird. Es kursieren viele vorgefasste Meinungen, Mythen, Mysterien, Tabus und Glaubenssätze zum Thema Sexualität. Eines davon ist, dass die sexuelle Bildung erst in der Pubertät thematisiert werden sollte. Das ist ein großer Irrtum!


Die wichtigsten Fragen, die mir Eltern zum Thema Sexualität stellen, lauten: "Wie schütze ich mein Kind vor Pornografie?" oder auch "Wie schütze ich mein Kind vor sexuellen Übergriffen?". Was ich aber gern hören würde, wären Fragen wie «wie kann ich mein Kind begleiten, eine gesunde Beziehung zu sich selbst und anderen aufzubauen?» oder «wie kann ich mein Kind in seiner sexuellen Entwicklung begleiten?»


Hinsichtlich sexueller Gewalt halte ich es für wichtig sich bewusst zu sein, dass uns die Täter sexuellen Missbrauchs vertrauter sind als in der kollektiven Vorstellung. Man muss wissen, dass Übergriffe durch Unbekannte eher selten sind. Bei Vergewaltigungen zum Beispiel ist der Täter in 91% der Fälle dem Opfer bekannt (in 47% der Fälle ist es der Ehepartner oder Ex-Partner). Bei sexuellem Missbrauch von Minderjährigen ist der Täter in 68% der Fälle ein Mitglied der Familie oder des nahen Umfelds des Opfers und hat oft gegenüber dem Kind eine Autoritäts- und Vertrauensstellung inne. Mädchen sind mehr getroffen als Buben (3 von 4 Opfern sind Mädchen, von denen jedes zweite unter 10 Jahren alt ist. Bei den Jungen sind zwei Drittel der Opfer jünger als 10 Jahre).


Was den ersten Kontakt mit Pornografie betrifft, so findet dieser immer früher statt, im Durchschnitt im Alter von 12,5 Jahren. Jeder zweite Jugendliche gibt an, dass dieser erste Kontakt unfreiwillig war.


Diese Zahlen zeigen, warum es so wichtig ist, mit seinen Kindern lange vor der Pubertät über Sexualität und Beziehungen zu sprechen.


Vorbeugen ist besser als heilen

Um vorzubeugen und zu schützen, muss man eine Situation einordnen können, aber auch offen für Gespräche sein. Wenn es um sexuelle Gewalt geht, wird zwar immer mehr gesprochen und auch medial berichtet, aber es herrschen noch immer Schweigen, Angst, Furcht und Scham. Die Opfer melden sich üblicherweise erst lange nach der Tat und oft ohne familiäre Unterstützung zu Wort. Was Pornografie betrifft, so sprechen nur 4% der Jugendlichen mit ihren Eltern oder anderen erwachsenen Bezugspersonen über diese Erfahrung.


Über Sexualität zu sprechen, ist zwischen Kindern und ihren Eltern oft tabu. Wenn nicht schon in jungen Jahren ein offener, ehrlicher und wohlwollender Dialog stattfindet, wird die Kommunikation von beiden Seiten aus schwierig. Aus diesem Grund wenden sich Jugendliche meist an das Internet oder ihre Freunde, die selbst keine zuverlässigen Informationen oder Erfahrungen in diesem Bereich haben. Dadurch werden unter Umständen auch falsche Informationen weitergegeben und diese entsprechen möglicherweise nicht dem Bild von Sexualität, das Sie Ihren Kindern gern vermitteln möchten. Mehrere Studien zeigen zudem, dass Jugendliche gerne von ihren Eltern über Sexualität informiert werden würden.


Die Rolle der Eltern

Eltern sind nicht nur die ersten Erzieher, sondern auch Vorbilder für ihre Kinder und tragen zum Aufbau einer Welt- und Lebensanschauung bei. Vertrauen, emotionale Bindungen, die Vermittlung von Werten und die Aneignung von Verhaltensweisen und Regeln für ein gutes Zusammenleben sind Lernprozesse, die notwendig sind, um zu selbstständigen und verantwortungsbewussten, entfalteten Persönlichkeiten heranzuwachsen. Wie in allen Entwicklungsbereichen spielen die Eltern auch bei der sexuellen Entwicklung ihrer Kinder eine wichtige Rolle.


Sexualität ist gelernt

Obwohl wir sexuelle Wesen sind, ist Sexualität nicht angeboren, sondern da Ergebnis eines Lernprozess. Wie bei jedem Lernen, sei es Motorik, Sprache oder soziale Beziehungen, müssen sich Kinder nicht nur Wissen aneignen, sondern auch neue Fähigkeiten entwickeln, indem sie experimentieren und Erfahrungen sammeln. Über den eigenen Körper, Gefühle und den Aufbau von Beziehungen lernen Kinder zentrale Lebenskompetenzen zu erwerben. Sie entwickeln dabei positive Einstellungen und Werte, die sie für die Bestimmung und den Genuss ihrer Sexualität körperlich, emotional, individuell und in Beziehungen benötigen.

Sexualität ist dynamisch und begleitet uns ein Leben lang. Als wichtige Ressource für unsere körperliche und psychische Gesundheit will sie entdeckt, gelernt, gelebt und möglichst mit erfüllenden, einvernehmlichen und verantwortungsbewussten Erfahrungen erweitert werden. Sie verändert sich im Lauf der Zeit und erfordert Anpassungen, und somit wieder neues Lernen.


Auch die Rolle der Eltern entwickelt sich mit dem Heranwachsen der Kinder weiter. Wenn man mit seinem Kind über Sexualität, Sinnlichkeit und Liebe spricht und dabei sein Alter und seine Reife respektiert, baut man eine besondere Vertrauensbeziehung auf, die besonders während der Pubertät und der Adoleszenz tragend sein wird.


Die kindliche Sexualität ist den Eltern oft nicht bekannt

Wenn von Sexualität die Rede ist, denken viele sofort an Stimulation der Genitalien oder einen sexuellen Akt. Diese Vorstellung steht im starken Widerspruch zum Bild das Eltern von ihren Kindern haben. Doch Sexualität ist eben viel mehr als das!


Die kindliche Sexualität drückt sich je nach Alter und Entwicklungsphase des Kindes auf sehr unterschiedliche Weise aus. Erst in der Pubertät nähert sie sich allmählich der Sexualität der Erwachsenen an und wird sich im Laufe des Lebens weiterentwickeln. Die frühkindliche Sexualität ist unbewusst, instinktiv und nicht lustorientiert, sondern auf das Gefühl des Wohlbefindens ausgerichtet. Von Geburt an geniesst das Neugeborene die Körperwärme, die Berührungen und die Aufmerksamkeit der Betreuungspersonen, denn es fühlt sich angenommen, beschützt und geliebt. Wenn sich die Motorik des Kindes entwickelt, beginnt es nicht nur seine Umgebung, sondern auch den eigenen Körper zu erkunden. Mit etwa zwei Jahren ändert sich die Sexualität des Kindes. Mit dem Erwerb der Sprache und dem Aufbau von Bindungen wird die Sexualität bewusster. In seinem Entdeckungsdrang will das Kind beobachten, erforschen und experimentieren, um mehr über seinen eigenen Körper zu erfahren. Im Alter von 2 bis 3 Jahren stellt das Kind seinen Eltern ganz natürlich die ersten Fragen zu den Unterschieden zwischen den Geschlechtern und ihrer Entstehung. Dies ist also der ideale Zeitpunkt, um damit zu beginnen, mit seinem Kind über Sexualität zu sprechen.


Indem Sie alle Aspekte der Sexualität in einer altersgerechten Sprache ansprechen und Raum für Selbstexperimente geben, vermitteln Sie nicht nur Wissen, sondern helfen Ihrem Kind auch, Fähigkeiten zu entwickeln, um mit sich selbst, dem anderen und anderen in Verbindung zu treten.


Wie kann man sein Kind in seiner sexuellen Entwicklung begleiten?

Mit seinen Kindern über Sexualität zu sprechen, ist für viele Eltern immer noch eine Herausforderung. Wie soll man darüber sprechen? Welche Worte sollte man wählen? Welche Themen sollen angesprochen werden? Unsere eigenen Ängste, Befürchtungen oder Unkenntnis sind oft ein Hindernis, um das Thema Sexualität entspannt anzugehen. Es gibt nicht nur einen Weg, sondern mehrere. Wichtig ist, dass Sie den passenden Weg für sich entdecken. Hier noch einige Inputs:


  • Laden Sie Ihr Kind ein, auf seinen eigenen Körper zu hören und mit seinen Gefühlen, Bedürfnissen und Wünschen verbunden zu sein. Helfen Sie ihm, Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen zu entwickeln und stolz auf seinen Körper zu sein. Machen Sie ihm bewusst, dass es ein Wesen ist, das wegen seiner Einzigartigkeit und Authentizität geliebt wird. Betonen Sie seine Stärken und Grenzen. Wecken Sie in ihm Respekt und Akzeptanz gegenüber anderen. Wenn Sie Ihrem Kind die Möglichkeit geben, sich selbst besser zu verstehen, wird es nicht nur lernen, sich selbst zu schätzen, zu lieben und seine Intimsphäre abzugrenzen, sondern auch kritisch über Normen und stereotype Rollen nachzudenken und sich eine positive Vorstellung von der Begegnung der Körper, der Paarbeziehung, der Intimität und der Sexualität zu machen. Es kann seine eigene Sexualität in voller Kenntnis der Sachlage, ohne Diskriminierung oder Zwang wählen. Indem das Kind seine eigenen Entscheidungen verantwortungsvoll und autonom trifft, wird er nicht nur eine erfüllte Sexualität und ein erfülltes Gefühlsleben leben können, sondern auch die Integrität anderer Menschen respektieren.


  • Entwickeln Sie Ihre eigene Sprache, seien Sie authentisch und teilen Sie Ihr Unbehagen, dieses Thema anzusprechen, wenn nötig. Zeigen Sie Interesse, Ihr Kind in dieser Phase zu begleiten. Offen zu sprechen hilft, Sexualität zu entmystifizieren, falsche Informationen zurechtzurücken und ihre Werte über emotionale Beziehungen zu vermitteln, damit Ihr Kind Intimität und gesunde Beziehungen zu sich selbst und anderen entwickeln kann. Aber auch für Sie als Eltern ist es eine sehr gute Gelegenheit, sich ihren eigenen Ängsten zu stellen, sich selbst besser kennenzulernen und Ihre eigene Einstellung zu Sexualität und Liebesbeziehungen zu hinterfragen, und auch Ihr Wertesystem durch diesen Austausch zu hinterfragen.


  • Lassen Sie Bücher in Ihrem Haus herumliegen, die dem Alter Ihrer Kinder entsprechen, und lassen Sie Ihr Kind sie selbst entdecken. In diesem Zusammenhang wird es von sich aus Fragen stellen, da Sie ein Medium haben, über das Sie gemeinsam diskutieren können. Wenn Sie sich wohlfühlen, wird sich auch Ihr Kind wohlfühlen.

Wenn Sie diese Kommunikation und die besondere Beziehung zu Ihrem Kind pflegen, wird Ihr Kind nicht zögern, zu Ihnen zu kommen, um mit Ihnen über die typischen Fragen, Probleme und Herausforderungen der Pubertät zu sprechen, wie z. B. den ersten Geschlechtsverkehr, die Liebe, aber vielleicht auch über Pornografie, Drogen- und Alkoholkonsum, Unwohlsein, etc.


Was ist Zustimmung?

Im Zusammenhang mit Sexualität wird viel von Zustimmung bzw. Konsens gesprochen, aber dieses Konzept sollte auf jede Interaktion angewendet werden, die wir mit anderen Menschen haben. Einwilligen bedeutet, zu verstehen, was einem vorgeschlagen wird und abzuwägen, ob das Angebot mit den eigenen Werten, Bedürfnissen, Erwartungen und rechtlichen Standards übereinstimmt, um sich der Konsequenzen oder möglichen Optionen bewusst zu sein. Es bedeutet auch, Bedenken oder Ihr Unverständnis mitzuteilen, um den Vorschlag möglicherweise erneut zu diskutieren. Es bedeutet, sich zu vergewissern, dass die Vereinbarungen eingehalten werden, um schließlich die Entscheidungen zu treffen und bewusst Ja oder Nein zu sagen. Es bedeutet, die eigenen Grenzen und auch die der anderen anzuerkennen. Zustimmung erfordert also mehrere intellektuelle, intrapersonelle und psychosoziale Fähigkeiten, die ein Mensch im Laufe seines Lebens entwickeln muss, um glücklich zu sein.


Mit seinen Kindern über Sexualität zu sprechen, bedeutet, sie zu schützen und eine bessere Welt aufzubauen!

Sexuelle Bildung ist ein Kinderrecht. Sie ist nicht nur von entscheidender Bedeutung für den Aufbau der Identität der Kinder, ihres persönlichen Lebens, ihres Gefühlslebens und ihrer Beziehungen, sondern ist auch eine grundlegende Basis für die sexuelle Gesundheit. Die Aufklärung über Sexualität und sexuelle Gesundheit ist in der Tat die beste Prävention. Mehrere Studien belegen, dass je mehr Eltern mit ihren Kindern über Sexualität sprechen, desto mehr kümmern sich die Kinder um ihre sexuelle Gesundheit, wenn sie älter werden. Tatsächlich verhalten sie sich im Umgang mit Sexualität und Liebesbeziehungen viel verantwortungsbewusster, selbstständiger und respektvoller. Das heißt, sie haben weniger Geschlechtskrankheiten, weniger ungewollte Frühschwangerschaften, und die erste sexuelle Erfahrung findet später und einvernehmlich statt. Zudem erleben sie oder initiieren sie weniger sexuelle Übergriffe als Kinder, die keine sexuelle Bildung erhalten haben.


Ihre Kinder sind die zukünftigen Eltern von morgen. Wenn sie ein sexuell und emotional erfülltes Leben führen, werde ich sie einerseits nicht in der Beratung sehen und andererseits werden sie die Entwicklung der relevanten Kompetenzen ihrer Kinder mit viel mehr Ruhe und Gelassenheit sicherstellen.


Sind Sie noch unschlüssig? Ich lade Sie gerne dazu ein, mich an meinem Literaturtag in meiner Praxis zu besuchen. Wir werden sicherlich ein geeignetes Buch oder eine Broschüre finden, wovon Sie sich inspirieren lassen können. Danach sollte es Ihnen leichter fallen, die zahlreichen Fragen Ihres Kindes altersgerecht zu beantworten.


Wer sich mehr Unterstützung bei Thema sexuelle Bildung oder anderen Themen rund um Sexualität und Beziehungen wünscht, kann meinen Newsletter abonnieren, um über die nächsten Termine meiner Workshops informiert zu bleiben.


[1] Quelle: lettre de l’observatoire national des violences faites aux femmes de 2021

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