top of page

Eine Sexologin in Cap d'Agde

3. Sept.
5 Min. Lesezeit
Über Nacktheit, Körperbilder, Erotik und die Freiheit, den eigenen Körper zu bewohnen

eine Sexologin in Cap d'Agde

Cap d’Agde ist immer wieder Thema in Gesprächen mit meinen Klientinnen und Klienten. Manche waren schon dort, andere sind neugierig, fasziniert oder angesichts seines Rufs verunsichert. In der öffentlichen Vorstellung wird das berühmte Village Naturiste in Südfrankreich gerne mit Sex, Libertinage, Partys und allerlei Exzessen in Verbindung gebracht. Wie der Ort durch die Brille einer Sexologin aussieht, möchte ich euch gerne berichten.


In Cap d’Agde treffen verschiedene Welten aufeinander: auf der einen Seite der klassische Naturismus und die Normalität eines Alltags ohne Kleidung, auf der anderen – vor allem an bestimmten Orten und zu bestimmten Zeiten – eine deutlich stärker erotisierte, libertine und kink-geprägte Szene.

Gerade diese Nähe von scheinbar so unterschiedlichen Welten wirft für mich eine spannende Frage auf: Wann wirkt ein Körper eigentlich erotisch?


Wenn Nacktheit alltäglich wird

Auf dem Naturistencamping René Oltra lebt man nackt. Man fährt Fahrrad, geht einkaufen, spült Geschirr, trinkt einen Apéro und plaudert mit den Nachbarn – alles im Adams- oder Evakostüm. Zu Beginn meines Aufenthalts fiel mein Blick zwangsläufig häufiger auf die Körper. Doch sehr schnell veränderte sich etwas: Ich nahm die Nacktheit kaum noch bewusst wahr.


Eine meiner Lieblingsbeschäftigungen am FKK-Strand war trotzdem: People Watching. Dem endlosen Defilee nackter Körper zuzuschauen – mit einer fast schon anthropologischen Neugier angesichts der unglaublichen Vielfalt menschlicher Körper.

Junge und alte, schlanke und runde, muskulöse, drahtige und schlaffe Körper. Körper, die von Schwangerschaften, Narben und den Spuren der Zeit gezeichnet sind. Viele sind tätowiert, gepierct oder enthaart. Und unabhängig vom Geschlecht sieht man Brüste, Bäuche, Hintern und Haut, die der Schwerkraft folgen.

Fast genauso spannend wie die Körper selbst finde ich die Art, wie Menschen sie tragen. Manche gehen aufrecht und selbstverständlich über den Strand, andere vorsichtiger, mit eingezogenen Schultern oder leicht gebeugt. Einige bewegen sich völlig unbefangen, während andere sich ihrer Nacktheit bei jedem Schritt bewusst zu sein scheinen. Manche wirken, als hätten sie ihren Körper längst vergessen, andere, als müssten sie ihn ständig kontrollieren. Nacktheit zeigt eben nicht nur den Körper – manchmal macht sie auch sichtbar, wie wir unseren Körper bewohnen.


Genau diese Vielfalt finde ich spannend zu beobachten. Das mag voyeuristisch klingen, ist für mich aber eher Faszination. Ständig sind wir mit Bildern von standardisierten, retuschierten, gefilterten, inszenierten und sexualisierten Körpern konfrontiert. Und genau deshalb empfinde ich diese Vielzahl gewöhnlicher Körper fast als eine Art Umschulung unseres Blicks: Es gibt nicht den perfekten Körper, sondern eine wunderschöne Vielfalt sehr realer Körper.

Das ist wahrscheinlich das, was mich am Naturismus am meisten beeindruckt: Wenn alle nackt sind, verliert Nacktheit sehr schnell einen grossen Teil ihrer sexuellen Aufladung und kann sogar ein erstaunliches Gefühl von Freiheit vermitteln. Man merkt plötzlich, wie wenig Nacktheit und Sexualität zwangsläufig miteinander zu tun haben. Und umgekehrt, wie unglaublich erotisch ein beinahe vollständig bekleideter Körper wirken kann.

Wenn die Nacht hereinbricht, ändern sich die Codes

Tagsüber verschmilzt die Nacktheit mit der Umgebung. Jede und jeder geht den eigenen Dingen nach, in einer fast schon gewöhnlichen Ferienatmosphäre am Meer.

Mit Einbruch der Dunkelheit verändert sich jedoch etwas. Das Village wird theatralischer, ausgelassener und auch provokanter. Die Körper sind nicht mehr einfach nur da: Sie werden bekleidet, geschmückt, geschminkt und manchmal regelrecht verwandelt. Spitzendessous, Leder, schwindelerregend hohe Absätze, Perücken, Harnesses, extravagante Outfits … Jede und jeder scheint mit einer anderen Facette der eigenen Persönlichkeit spielen zu können. Während es tagsüber eher darum geht, im eigenen Körper zu sein, beginnt man abends, mit dem eigenen Erscheinungsbild zu spielen.


Und genau hier wird das Paradox besonders sichtbar: Am Tag zieht man sich aus und der Körper verliert seine sexuelle Aufladung. Am Abend zieht man sich wieder an, um ihn zu erotisieren. Erotik hängt also nicht einfach davon ab, wie viel Haut wir zeigen. Sie entsteht auch durch den Kontext, die Absicht, den Blick, die Haltung, die Inszenierung und das Spiel der Verführung.

Naturismus, Libertinage, Kink und Konsens

Eine weitere Besonderheit des Cap d’Agde besteht darin, dass hier verschiedene Welten aufeinandertreffen, die manchmal miteinander verwechselt werden. Naturismus ist nicht dasselbe wie Libertinage. Libertinage ist nicht automatisch kink. Und kink zu sein bedeutet weder zwangsläufig, libertin noch naturistisch zu leben.


Manche Menschen kommen ausschliesslich ins Cap, um nackt zu leben, den Strand zu geniessen und dieses Gefühl körperlicher Freiheit zu erleben. Andere kommen wegen der hedonistischen Atmosphäre. Wieder andere fühlen sich von BDSM-, Fetisch- oder Kink-Codes angesprochen. Und viele bewegen sich vermutlich irgendwo zwischen diesen verschiedenen Welten.

Gerade dieses Zusammentreffen macht den Ort so besonders: Die üblichen Normen wirken hier etwas weniger starr, und jede Person kann bis zu einem gewissen Grad selbst entscheiden, wie sie ihren Körper bewohnen, zeigen oder mit ihm spielen möchte. Doch egal, wie viel Freiheit man sich nimmt: Nacktheit ist niemals eine Einladung.


In einem sexuell offeneren Umfeld werden Grenzen nicht weniger wichtig. Im Gegenteil. Nackt zu sein bedeutet nicht, verfügbar zu sein. Ein sehr sexy Outfit zu tragen bedeutet nicht, berührt werden zu wollen. Einen Swinger- oder Libertinage-Club zu betreten bedeutet nicht, allem zuzustimmen. Hinschauen gibt niemandem das Recht, sich etwas zu nehmen. Und zu etwas Ja gesagt zu haben, bedeutet niemals automatisch ein Ja zu allem, was danach kommen könnte. Sexuelle Freiheit bedeutet nicht, alles zu tun. Sie bedeutet, ausdrücken und selbst entscheiden zu können, was man erleben möchte, mit wem und wie weit – und seine Meinung jederzeit ändern zu dürfen.


Im Cap d’Agde begegnet man übrigens auch Menschen, die sich weder als Naturist:innen noch als libertin oder kink verstehen. Sie kommen einfach, um zu feiern, elektronische Musik zu geniessen oder nackt in der Schaumparty des Glamour Beach zu tanzen. Dabei fühlen sie sich oftmals sicherer als in manchen konventionellen Partylocations. Nacktheit gehört hier zu den Codes des Ortes und wird entsprechend anders wahrgenommen und respektiert. Wenig oder gar nicht bekleidet zu sein, wird nicht automatisch als sexuelle Verfügbarkeit interpretiert.

Und genau diese Freiheit wird in Cap d’Agde allgemein gesucht: den eigenen Körper zeigen zu können und gleichzeitig darauf vertrauen zu dürfen, dass die eigenen Grenzen respektiert werden.

Was ich am Cap d’Agde mag

Was mich bei meinem Besuch am Cap d’Agde interessiert, ist letztlich nicht so sehr seine verruchte Seite, sondern das, was der Ort über unser Verhältnis zum Körper, zur Nacktheit und zum Begehren verrät.

Und vielleicht ist genau das für mich das Befreiendste: zu erkennen, dass ein Körper nicht ständig jung, schön, begehrenswert, leistungsfähig oder sexy sein muss. Er darf einfach da sein. Leben, sich bewegen, Raum einnehmen, Lust empfinden, die Wellen, den Wind und die Wärme der Sonne auf der Haut spüren. Und manchmal einfach die Freiheit geniessen, nackt beim hübschen Bäcker meine Baguette zu kaufen … und sich über ein charmantes, zweideutiges Kompliment zu freuen.


Und du, wie bewohnst du deinen eigenen Körper? Fühlst du dich in ihm zuhause? Kannst du dir vorstellen, nackt unter vielen anderen nackten Menschen zu sein – und was würde das in dir auslösen? Wann fühlst du dich in deinem Körper besonders frei? Wann fühlst du dich selbst erotisch und begehrenswert – und wodurch?

 
 
 

Kommentare


  • Instagram
  • Facebook
  • LinkedIn

©2022 by Lustkreis.

bottom of page