Playfight - ein Weg sich anders zu begegnen und neu zu entdecken


"Adult Playground" Bild von Tino Porzel

Playfight? Hört sich ein bisschen nach Sport und Kindergarten an, oder?

Ich war neugierig und deshalb gestern Abend mit 11 völlig fremden Menschen an einem Playfight Intro dabei. Was mir dabei durch den Kopf gegangen ist und was das meiner Meinung nach mit Sexualität zu tun hat, verrate ich in diesem Blogartikel.


Hier geht es um Achtsamkeit, Verbundenheit, Spass, Lebendigkeit und Lebensfreude.


Beim Playfight geht es – anders als bei Kampfsport - nicht um Kraft, Überlegenheit und Gewinnen. Vielmehr habe ich es so verstanden, dass ein intensives und aufregendes Miteinander im Fokus steht. Es geht darum, unsere innere Kraft zu nutzen, um mit dem Gegenüber ganz bewusst und authentisch in Beziehung zu kommen. Die eigene Kraft und die des Spielpartners in sicherer und respektvoller Weise spüren, feinfühlig beobachten und nachspüren, wie der Flow aus der Interaktion und Kontaktimprovisation entsteht oder nicht. Einfach unbeschwert und ausgelassen spielen, seiner Kreativität freien Lauf lassen, aus tiefem Herzen lachen, wild sein, ohne Erwartungen, ohne Plan und ohne Strategien, loslassen und die pure Freude des Moments geniessen.


Von den anderen Teilnehmern erfährt man anfangs lediglich einen Namen, ob sie schon Erfahrung mit Playfight haben und was sie hier suchen. Einige wollen experimentieren, andere wollen die eigene Kraft erfahren, Spass haben oder ihr Bedürfnis nach körperlicher Nähe ohne Missverständnis erleben. Was mich betrifft, habe ich immer Mühe mit fremden Personen und Körperkontakten. Und ja, I like to fight!


Es ist mein erstes Mal und klar bin ich aufgeregt, obwohl ich den Raum von einem früheren Workshop kenne. Es ist beruhigend zu erfahren, dass es Spielregeln gibt und der Kontakt in einem sicheren Rahmen stattfindet. Spass beim Raufen steht im Mittelpunkt. Ich kann also sicher sein, nicht grad die Zähne zu verlieren.


Trotzdem ist das vegetative Nervensystem aktiv. Unwillentlich findet die ständige Bewertung der Umgebung statt um festzustellen, ob es hier sicher oder gefährlich ist. Dieser Vorgang nennt sich Neurozeption und löst unwillkürlich unterschiedliche neurophysiologische Vorgänge aus, die unser Überleben in einer gefährlich eingeschätzten Situation sicherstellen[1]. Was uns fremd und unbekannt ist, wird oft als bedrohlich wahrgenommen. Ich versuche bewusst die Signale meines Körpers wahrzunehmen. Wie ist mein Muskeltonus? Hoch. Habe ich Spannungen im Gesicht? Ja, mein Kiefer schmerzt. Wie schlägt mein Herz? Schnell. Wie atme ich? Flach. Oh mein Gott, ich schwitze auch noch und ehrlich gesagt der Gedanke fast fremde Menschen anzufassen löst Unbehagen aus. Tja, mein Sympathikus (Kampf-Flucht-Modus) ist aktiv. Was kann mir in diesem Moment das Gefühl von Sicherheit geben?


Zentrierung: Ich bin bei mir und bei dir


Mit verschiedenen Übungen hilft uns David – unser Trainer - den eigenen Körper achtsam wahrzunehmen. Beim Laufen suchen wir Kontakt zum Boden, ändern den Rhythmus unserer Gehweise und nehmen wahr, was gerade in unserem Körper passiert. Mein Herz pocht, ich bin ausser Atem und schwitze. David lädt uns ein bewusster zu atmen, und z.B. Bewegung mit Atmung zu synchronisieren, die Atmung von Mitspielern zu beobachten und verlängert auszuatmen.


Ich bin bei mir angekommen, d.h. ich kann mich spüren und zeigen, wie ich bin. Was brauche ich noch, um einem Spielpartner zu begegnen, um mich sicher zu fühlen und was brauchst er/sie, dass es ihm/ihr gut geht? Ich kenne meine Stärke und meine Schwäche, ich weiss wie mein Körper funktioniert und kenne seine Grenzen. Ich beobachte: Haltung, Blick, Mimik und Gestik. Ich habe keine Erwartungen oder Vorstellung wie diese Begegnung stattfinden wird, aber jetzt freue ich mich darauf zu experimentieren.


Playfight ist einvernehmlich und ritualisiert. Aber wie fangen wir an?


Die Einladung: Zunächst sucht man sich eine.n Mitspieler.in. zum Kampf aus. Die Blicke kreisen. Verbal oder über Körpersprache wird das Angebot abgelehnt oder Einverständnis vermittelt, z.B. ein Nein, Nicken, Kopfschütteln, Lächeln, Augenkontakt. Wichtig dabei ist, die eigenen Wünsche und Grenzen zu erkennen sowie diejenigen des Gegenübers wahrzunehmen, und zu respektieren, d.h. bewusst Ja oder Nein zu sagen sowie auch ein Nein ohne Groll anzunehmen.


Die Begegnung: Sich ohne viele Worte zu begegnen, ist eine spannende Herausforderung. Playfight bietet den Rahmen, um durch bewusste Bewegungen, aber auch experimentell körperliche Kommunikation entstehen zu lassen. Es war mit jeder einzelnen Person ein aufregendes Erlebnis, in Berührung zu kommen und zu erleben, wie Bewegungsdynamik entsteht. Einladender Augenkontakt, vertrauenserweckendes oder fieses Lächeln, straffe oder sanfte Berührungen, langsame oder schnelle Drehungen, wilde Schreie oder leises Stöhnen, heftige oder kontrollierte Bewegungen, zusammen atmen, gegendrücken oder kooperieren, den Rhythmus wechseln, geben oder nehmen, dominieren oder sich unterwerfen, sicher bleiben oder aufs Risiko gehen, führen oder sich fallen lassen, usw. Egal was daraus entsteht oder nicht, der ganze Körper macht mit und interessanterweise weiten sich allmählich die eigenen Grenzen und die des Gegenübers.


Wertschätzung: In gegenseitigem Einverständnis endet der Kampf. Daraus folgt spontan eine Umarmung, ein dankbares Lächeln, ein erlösendes Händeklatschen, ein frecher Blick oder einfach nur ein Danke. Wer mag, kann mitteilen, was er/sie persönlich beobachtet hat und was während der Begegnung berührend war.


Über körperliches Experimentieren kommt man sich nah.


Wer wie ich Mühe hat, sich auf Andere einzulassen und sich fallen zu lassen, dem hilft einerseits die Ritualisierung von Playfight und andererseits der definierte Rahmen, um somit die Hemmschwelle zu körperlichem Kontakt mit unbekannten Personen zu senken und die Vorurteile beim ersten Anblick anderer Menschen zu überwinden. Denn nach einem kurzen Kampf weiss jede.r, wie sein Gegenüber blickt, sich anfühlt, sich bewegt, riecht, atmet, sich wehrt, mitmacht, stöhnt, schreit oder lacht. Ja, solche Experimente verbinden Menschen.

Ein magisches Element des Playfights sind all diese besonderen Erinnerungen sowie die kleinen Verletzungen, Prellungen und Schürfwunden, die mir im Nachhinein ein kleines verschmitztes Lächeln ins Gesicht zaubern. Und ja, Muskelkater gibt es auch, denn auch spielerisches Kämpfen ist durchaus anstrengend. Aber was ist das schon, angesichts der glücklichen Gesichter am Ende des Abends?


Zwischen Aufregung und Erregung, was hat es denn mit dem Sex zu tun?


Wie oben erwähnt, beeinflusst die Neurozeption unsere Wahrnehmung, Gefühle und Handlungen. Das gleich gilt auch beim Sex. Um die Vielfalt der Sexualität und der Gefühle zu geniessen, spielt unser vegetatives Nervensystem eine wichtige Rolle, vor allem das gute harmonisch Zusammenspiel von Parasympathikus und Sympathikus, die in den verschiedenen Phasen der sexuellen Begegnung unterschiedlich stark aktiv sind. Für die erotische Begegnung, die Entspannung, eine bessere Empfindsamkeit und Genuss ist der Parasympathikus zuständig und wird aktiv, sobald der Erregungsreflex ausgelöst wird. Er bereitet die Geschlechtsorgane für den Geschlechtsakt vor und bewirkt die Entspannung der Blutgefässe, die Vasokongestion (d.h. Blutversorgung des Penis für eine Erektion bei dem Mann und die Anschwellung der Klitoris und inneren Labien sowie die Lubrikation bei der Frau). Bei genussvollen Berührungen werden Bindungshormone wie Oxytocin von Hypothalamus und Hypophyse ausgeschüttet, was das Gefühl von Nähe und Vertrauen mit dem/der Partner/in stärkt. Die Aktivierung vom Sympathikus fördert die Steigerung der sexuellen Erregung Richtung Orgasmus und Ejakulation. Er lässt sich an schneller werdendem Puls, noch schnellerer und flacher Atmung, hoher Muskelspannung und Schwitzen erkennen bis der Orgasmusreflex ausgelöst wird: Muskelkontraktionen im ganzen Körper, vor allem in der Beckenbodenmuskulatur um die Genitalien. Bei der Frau ziehen sich die Muskeln um die Vagina zusammen und die Muskulatur der Gebärmutter kontrahiert sich rhythmisch. Beim Mann ziehen sich die Muskeln am Penis zusammen und er ejakuliert. In der Ruhephase nach dem Orgasmus ist der Parasympathikus wiederum aktiviert. Die aufgebaute Spannung und Erregung fallen plötzlich ab und die Geschlechtsteile bekommen ihre normale Grösse zurück. Herzschläge und Atem werden wieder langsam. Der Orgasmus löst eine Konzentration von Serotonin und Prolaktin in unserem Gehirn aus, was gleichzeitig ein Gefühl von Glückseligkeit und Müdigkeit ausbreitet[2].


Also kurzum: ohne Spannung, keine Steigerung der sexuellen Erregung, d.h. kein Orgasmus und ohne Entspannung, kein Gefühl und kein Genuss, also kein Orgasmus. Darum ist es wichtig zu lernen, sich zu regulieren, sich zu zentrieren und den Parasympathikus bewusst aktivieren zu können.


Körperlichkeit und spielerisches Begegnen sind auch bei Sexualität wichtige Zutaten.


Viele Menschen sind ständig im Kampf-Flucht-Modus. Sie sind vom Alltag, von der Arbeit oder was auch immer gestresst, sind verkrampft und gönnen sich nur eine Pause oder Freizeit, wenn sie nichts mehr leisten können. Sie sind sehr effizient bis sie ausgebrannt sind, denn diese Dauerbelastung führt meistens zu körperlichen und/oder psychischen Schwierigkeiten. Beim Sex läuft es sehr ähnlich. Sie wollen unbedingt etwas erreichen (z.B. eine Erektion, einen Orgasmus). Im Bett herrscht aber eher Angst, Ekel, Scham oder sogar Wut, so dass der/die Partner/in als Feind erscheint. Die Gedanken kreisen, man ist vom Akt abgelenkt, die Gefühle werden chaotisch. Die Erwartungen sind nicht erfüllt worden, der Sex war nicht befriedigend. Mit der Zeit verschwindet auch noch die Lust.


Viele Erwachsene haben vergessen, was wir als Kind intuitiv machen, um unseren eigenen Körper, andere Lebewesen und unsere Umwelt kennenzulernen. Kinder spielen und experimentieren, d.h. sie (be)greifen um zu verstehen. Nur wer sich spürt, sich selbst beobachtet und selbst reflektiert, kann Authentizität in seinem Leben und seine Beziehungen zu Anderen bringen und sich seiner Wünsche und Grenzen bewusst werden.


Die Paarsexualität ist auch ein Ort, um sich mit seinem/r Partner/in weiterentwickeln zu können. Sich selbst in der Erregung wahrzunehmen, spüren, ausprobieren und sich zu zeigen, ist eine kraftvolle Ressource und ein bestärkendes Gefühl. Sexualität ist auch ein Spiel mit Bewegung, Rhythmus, Tonus, Atmung und wer sich neugierig zeigt, kann vieles über sich und seine/n Partner/in lernen oder Neues entdecken. Spielt, verführt, habt nicht so viele Erwartungen, experimentiert, lacht, um den Moment zu geniessen. Wie beim Playfight wäre vielleicht einen Versuch wert, erotische Rituale zu experimentieren, um im Flow der Sexualität zu kommen.


Nach einer lustvollen Begegnung kennt jede.r das Gefühl eines lebendigen, durchbluteten Körpers und die Wirkung der ausgeschütteten Glückshormone. Nach einer verrückten Nacht kommen auch die Erinnerungen zurück und schenken uns Lust auf mehr. Wie beim Playfight. Grrrr.


Wer Lust hat, sich mehr mit seiner Aufregung auseinander zu setzten und Playfight auszuprobieren, kann sich gern bei David Suivez[3] melden. Initiationskurse finden regelmässig statt[4]. Wer sonst mehr über seiner sexuellen Erregung erfahren will, kann sich gern bei mir für eine Sexualberatung melden.

[1] Mehr Infos zum vegetativen Nervensystem und zur Polyvagal-Theorie finden Sie in folgender Fachliterratur: Stephen W. Porges "Die Polyvagal-Theorie. Neurophysiologische Grundlagen der Therapie". Paderborn: Junfermann, 2010 und Deb Dana "Die Polyvagal-Theorie in der Therapie". Probst, G.P. Verlag, 2018. [2] Mehr zum Glückshormonen des Orgasmus in meinem Blogartikel «Liebe statt Depression- warum Sex ein wirksames Mittel gegen Stress ist!» [3] http://davidsuivez.com/work [4] https://www.movementmasterclass.com/


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